Trockensteinmauern in Rust – auf weitere 500 Jahre!

27.04.2026

Als in Rust und Tokaj, damals vor mehr als 500 Jahren, das „Süßweinwunder“ der Botrytis Cinerea „entdeckt“ wurde, stieg die Wertigkeit von geeigneter Weinbaufläche in enormer Weise.

Ohne den Begriff Erosion zu kennen, gab es das Bewusstsein: „Wir müssen die Erde am Hang halten!“. Also begann ein langer, mühsamer Prozess, an dessen Ende der Großteil der Ruster Südseite und auch Teile im Norden in fünf Großterrassen gegliedert war.

Mit unserer Monopollage Gillesberg als sechste Stufe obendrauf.

Als abschließende Befestigung jeder Höhenstufe errichteten unzählige fleißige Hände Trockensteinmauern in teilweise unterschiedlicher Höhe von 1,5 bis 2,5 Metern. Ein kräftezehrendes, höchste Konsequenz einforderndes Unterfangen, bestehen diese nach uralter Kulturtechnik aufgeschlichteten Mauern ausschließlich aus lokalem Kalksandstein und dem unikalen, ortslatenten Ruster Schotter, also Schiefergestein, ohne jegliches Eisen, Beton oder Mörtel, bloß in ordentlicher Stärke und bestimmtem Winkel an die Bodenstufe angelehnt.

Mit der Zeit etablierte sich das Mauerbauen und Mauersanieren zu einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass es im umfangreichen Ruster Stadtarchiv noch nicht einmal erwähnt wurde, obwohl es definitiv einen nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellte.

Damit einher ging auch eine gewisse Einteilung der Wertigkeit. Die beiden unteren Etagen waren wegen vermehrtem Dunst und Luftfeuchtigkeit sowie der See- und Schilfnähe zwar schon geschätzt (Botrytis), standen aber andererseits doch nicht so hoch im Kurs – waren die im Schilf hausenden Stare doch immer schon Todfeinde.

Die oberste Stufe war ebenfalls nicht so heiß begehrt, weil dort der allgegenwärtige Wind viele Triebe abknickte und somit für die Ursorten Furmint und Blaufränkisch mit ihrem sortenimmanenten, mastigen Wuchs nicht sehr gut geeignet schien.

Die Mitte des Hangs hingegen war in der Wertigkeit am höchsten – wie in der Burgund – mit der man sich dazumal auch noch preislich messen konnte!

So bestanden diese prägendsten aller Landschaftselemente bis zum herannahenden Ende des Zweiten Weltkrieges. Unter Zwangsarbeit wurde die „Reichsschutzstellung“ à la „Ostwall“ von Pressburg bis in die Südoststeiermark erstellt.

Die sogenannte „Befestigungslinie B“ bezog auch die altehrwürdigen Ruster Trockensteinmauern mit ein. In völlig unsinniger Weise hob man vor den jeweiligen Mauern Panzergräben aus.

Die rote Armee fuhr einfach daneben vorbei.

Noch vor Kriegsende rutschten die nunmehr ihrer ungeheuren Stabilität beraubten Mauern teilweise in die wertlosen Gräben. Und mit jedem Gewitter wurde es schlimmer.

Dann waren zehn lange Jahre sowjetischer Besatzungszeit angesagt. Viele mauerbaukundige Männer waren tot oder in Sibirien. Ergo, das Know-how verschwand vollständig.

Die ersten Besitzer von Traktoren in den 1950ern und 60ern schätzten es sogar, über die mittlerweile schrägen Böschungen in den Weingarten hineinfahren zu können. Von den ursprünglich circa 10 Kilometern Mauern überstanden nur ein paar hundert Meter in Fragmenten.

Erst im Jahre 2023 etablierte sich auf Initiative des äußerst geschichtsaffinen Günter Triebaumer die Gruppe „Mauerbauer“ auf zuerst privater Basis unter Eigenfinanzierung.

Am Fuße der legendären Ried Plachen angrenzend an die Ried Turner verbanden zwölf Enthusiasten unter Anleitung der Trockenmauerschule Österreich Prof. Mag. Rainer Vogler und DI Michael Dobrovits zwei noch bestehende Teilstücke. 2025, in einer nasskalten Februarwoche erfolgte die zweite Etappe ebendort.

Fortsetzung folgt!

Nunmehr hat die Gesamtorganisation noch immer Günter Triebaumer über, aber als Trägerorganisation fungiert der schlagkräftige Weinbauverein Rust.

Aufgrund der hohen ökologischen Sinnhaftigkeit und auch wegen regionaltouristischen Gründen erfuhr das zweite Teilprojekt eine Landesförderung. Lokale Menschen bauen Hochbeständiges mit lokalem Material. Historisch und außerdem völlig rückstandsfrei.

Gerne kann der Turner-/Plachenweg bewundert werden, um wiedererrichtete Geschichte zu erleben.

©Fotos Markus Hammer