
Schon seit Jahrzehnten – ja, es ist eine wirklich lange Geschichte – befassen wir uns mit international renommierten Sorten.
Was wir immer sagen: Hätten die Leute in der Post-Phylloxera-Aufarbeitungs-Phase mehr Mobilitätsmöglichkeiten gehabt, hätten sie neben Sauvignon blanc, Chardonnay, Merlot, Cabernet franc, Cabernet Sauvignon wohl auch andere Sorten herangezogen.
Wir haben das in den letzten 40 Jahren halt richtiggestellt.
Wie es im Blog „25 Jahre Weite Welt – ein irrwitziger Reisebericht“ (die Mutter aller Versuche) heißt: Bei den Triebaumers ist die Weggabelung zwischen „Ausprobieren“ und „Schau ma mal“ eine sehr unsymmetrische, vergleichbar mit einer mehrspurigen Autobahn und einem Begleitwegelchen. Interessant, nämlich wirklich interessant wird das Ausprobieren erst, wenn auch reguläre Weinmengen reinsortig in die Flasche gebracht werden.
Das Phytosanitärgesetz war für uns nie das Problem – in Zeiten der Globalisierung ist es sowieso aus der Realität gefallen.
Seit 2024 arbeiten wir mit dem Bundesamt für Weinbau in Eisenstadt an der „Legalisierung“ (= Anerkennung als Qualitätswein) der Sorten Viognier, Petit Manseng, Carménère, Nebbiolo, Tannat, Tempranillo, Malbec und Petit Verdot.
Nach vielen Reifeverlaufsmessungen und Jungweinanalysen wird (in Vatikangeschwindigkeit) dereinst ein Argumentationspapier erstellt, welches besagt, dass diese Sorten die Augusthitze besser vertragen als so manche heimische. Für das Mindset besonders wertvoll firmiert die Tatsache, nach der wir von KollegInnen und Fachpresse sowohl in Bezug auf Blaufränkisch, Furmint und Botrytis/Ruster Ausbruch als auch zum Thema internationaler Sorten zu Rate gezogen werden. Stolz!
Begonnen hat alles mit der Triebaumer-Weihnachtsfeier 1986. Damals verkosteten wir die frisch auf den Markt gekommenen Barolos und Barbarescos des Jahrgangs 1982 – einer der besten Jahrgänge überhaupt. Wir waren, wie man heute sagen würde, ziemlich geflasht. Die Reaktion war eindeutig: Sowas müssen wir bei uns auch ausprobieren.
Gesagt, getan. Im Frühjahr 1987 fuhr eine kleine Abordnung der Familie ins Piemont. Dort trafen Paul und Ernst unter anderem auf Elio Altare, „il Professore“ aus La Morra. Man verstand sich auf Anhieb, und dankenswerterweise überließ er seinen Besuchern 300 Nebbiolo-Setzlinge seiner Lieblingsselektion.
Ausgepflanzt wurden sie in unserer Toplage Plachen auf Schieferverwitterung mit Lehmauflage. Seit 1994 verfügen wir für Erster Nebel über eine Sondergenehmigung des Landes Burgenland.
Von diesem Boden stammt auch die für Nebbiolo ungewöhnlich dunkle Farbe des Ersten Nebels. Der Lehm verlängert die Vegetationsperiode, verstärkt die Frucht und sorgt regelmäßig für den charakteristischen violetten Schimmer. Gleichzeitig entsteht jene berückend kühle Frucht, die den Wein seit jeher prägt.
Beim Ausbau verzichten wir bewusst auf neues Holz. Auch die vergleichsweise kurze Fassreife von zwölf Monaten verfolgt dasselbe Ziel: die Zwetschkenwürze - aber nicht den Zwetschkenkrampus - und die kühle, kompakte Frucht möglichst unverfälscht herauszuarbeiten.
Nebbiolo ist außerhalb seiner Heimat nicht sehr weit verbreitet. Man findet ihn im Piemont, wo er die Grundlage für Barolo und Barbaresco bildet, im Veltlin, im Aostatal – und eben in Rust. Mittlerweile darf man beim Ersten Nebel durchaus von alten Reben sprechen. Und dass sich das Experiment ausgezahlt hat, zeigt nicht zuletzt der erste Jahrgang 1990, der heute noch mit Freude getrunken werden kann, wenn man halt noch einen hat.
Petit Verdot haben wir seit 1999 in der oberen Ried Gemärk. Die Sorte stammt ursprünglich von der Laimburg in Südtirol. Von Josef Terleth, damals Versuchsleiter und Weinbauchef, haben wir neben Petit Verdot auch Tannat und Lagrein bekommen. Kurz darauf waren wir bei Elisabetta Foradori, und seither haben wir auch Teroldego. So entstehen manche Dinge.
Petit Verdot ist wirklich spät reif. Rund drei Wochen nach Cabernet Franc. Deshalb heißt der Wein auch VERD.o – der kleine Grünling. Die Frage lautet jedes Jahr aufs Neue: Wird er reif? Die Antwort lautet: Ja. Aber man muss warten können. Und einnetzen. Und noch ein bisschen länger warten.
Der erste reinsortige Versuch entstand mit zusätzlich ein paar Kilo Trauben eines befreundeten Kollegen. Seit dem Jahrgang 2020 vinifizieren wir ihn separat. Offene Maischegärung, mehrfach gebrauchte 300-Liter-Fässer. Recht griffig, aber auch richtig typisch.
Im Vergleich zu Carménère bringt Petit Verdot ein völlig anderes Tanningerüst mit, deutlich mehr Säure und insgesamt mehr Zug. Mit zunehmendem Alter der Reben und angesichts des Klimawandels wird die Sorte für uns immer interessanter. Was lange als Exot galt, könnte noch ziemlich relevant werden.
Geistreich gab es bei uns schon einmal. 2006, 2007, 2008 und 2009. Jetzt ist er zurück. Die steuerlichen und zollrechtlichen Fragen sind geklärt, sämtliche Stellen zufrieden – also steht einer Neuauflage nichts mehr im Weg.
Die Basis bildet die Weite Welt. Durch die Fortifikation wird sie noch konzentrierter. Wir wollen keinen oxidativen Stil, sondern das genaue Gegenteil: dicht, dunkel, kraftvoll und vollfruchtig. Ein Schokoholikum eben.
Gemacht wird Geistreich nach klassischem Portweinprinzip. Die Maische vergärt zunächst ganz normal, wird dann bei rund 7,5 % Alkohol und 10% der Saftmenge abgelassen und mit Alkohol versetzt. Danach wird alles wieder zusammengeführt. Klingt einfach, die Herausforderung liegt aber darin, dass Frucht, Farbe, Alkohol und Süße am Ende ein stimmiges Ganzes ergeben.
Abgefüllt wird bewusst jung. Wir wollen keine Oxidation, sondern Frucht. Dunkle Beeren, Schokolade, Kraft und Tiefe. Tiefdunkel, tiefgründig, tiefgreifend und hocharomatisch. Von der Stilistik her vielleicht am ehesten wie ein junger Vintage Port – allerdings deutlich weniger tanninbetont und ganz auf die Frucht fokussiert.
Das Ergebnis ist ein Likörwein, der gleichzeitig üppig und erstaunlich zugänglich wirkt. Genau so soll Geistreich sein.
Die Geschichte unseres Carménère beginnt mit einer Südamerikareise um die Jahrtausendwende. Die Reben wurden unmittelbar nach der Ernte mitgebracht, zuhause von Paul Triebaumer gepfropft und veredelt und schließlich in der großartigen oberen Mitterkräftn in Rust ausgepflanzt. Seitdem erfreut uns die Sorte Jahr für Jahr mit wunderschönen Trauben.
Allerdings entwickelte sich Carménère etwas anders als erwartet. Die Sorte erwies sich nicht als der wahnsinnige Zuckerbringer, für den sie oft gehalten wird. Deshalb verzichten wir bewusst auf Neuholz, arbeiten mit gebrauchten Barriques und füllen vergleichsweise früh ab. Die Frucht soll im Mittelpunkt stehen.
Der Jahrgang 2023 war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Er brachte den mildesten Rotwein hervor, den wir jemals erzeugt haben. Schon bei den ersten Verkostungen war klar: Den muss man jung füllen. Veilchen, dunkle Blüten, Brombeerzuckerl – unglaublich blumig und offenherzig. Fast schon ein bisschen Beaujolais-artig, oder eine Karikatur von einem Cabernet franc.
Das Erstaunliche dabei: Trotz seiner Leichtigkeit bringt der Wein rund 14 Vol.-% Alkohol mit. Er wirkt leichtfüßig, ist aber alles andere als leichtgewichtig. Genau diese Kombination macht Carmen on Air so eigenständig.
Warum Petit Manseng?
Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach. Zwei Weine haben uns auf diese Rebsorte aufmerksam gemacht: ein Petit-Manseng-Eiswein der Rebschule Scheiblhofer und ein reinsortiger Château Montus Blanc. Beide haben eindrucksvoll gezeigt, was diese Sorte kann.
Petit Manseng bringt einige Eigenschaften mit, die heute hochinteressant sind. Die Beeren sind klein, dickschalig und lockerbeerig und damit praktisch unempfindlich gegenüber Botrytis. Gleichzeitig reift die Sorte noch später als Welschriesling oder Furmint. In Rust lesen wir sie meist rund drei Wochen nach Cabernet Franc.
Dazu kommt ein außergewöhnliches Säurepotenzial bei gleichzeitig höchster physiologischer Reife – und das ohne Bewässerung, so wie bei uns in Rust generell üblich. Deshalb setzen wir ausfallende Rebstöcke seit Jahren bevorzugt mit Petit Manseng nach. Mit diesen Eigenschaften kann die Sorte eigentlich nirgends schaden.
Während Petit Manseng mittlerweile in Bordeaux zugelassen ist und in mehreren europäischen Weinregionen erprobt wird, fehlt in Österreich nach wie vor die Anerkennung als Qualitätsrebsorte. Deshalb entstand mit einem kleinen frenglischen Kunstgriff der Name „Le Petit Man Sang“ – der kleine Mann sang.
2019 ergab sich die Möglichkeit, Trauben eines bereits bestehenden Bestandes in Rust zu übernehmen. Lange überlegen mussten wir nicht. Sortenpioniere waren wir Triebaumer schließlich schon immer.
Der Jahrgang 2021 brachte nur eine Mini-Menge hervor. Die Gärung wollte einfach nicht weitergehen. Herausgekommen ist ein Wein, wie wir ihn in Österreich bislang noch nicht gesehen haben: hochreifes Material, enorme Spannung, viel Säure und ein Aromenspektrum von Pfirsichnektar bis eingelegte Nüsse. Damit war rasch klar: Le Petit Man Sang bleibt fixer Bestandteil unseres Limited-Sortiments.
Der erste trockene folgte 2022. Seit 2026 haben wir 0,33 ha Eigenfläche am Gillesberg in Ertrag.
Petit Manseng – klein, spät und mit richtig viel Charakter
Die Beeren sind winzig – etwa einen halben kleinen Fingernagel groß. Viel Schale, meist zwei Kerne und nur ein bisserl Saft. Genau das macht Petit Manseng so spannend: maximale Konzentration auf kleinstem Raum.
Die Sorte reift extrem spät. Bei der Lese sind die Blätter und Beeren oft noch sattgrün – fast so grün wie unser Verdo-Etikett – und trotzdem erreicht Petit Manseng problemlos rund 23 °KMW.
Zu Hause ist die Sorte im Südwesten Frankreichs, wo sie seit Jahrhunderten für große Süßweine und charaktervolle Weißweine geschätzt wird.
Wir haben Petit Manseng ursprünglich zum Nachsetzen zugekauft. Günter war schon damals überzeugt, dass die Sorte genau das hält, was ihr Ruf verspricht: außergewöhnliche Aromatik, lebendige Säure und enormes Reifepotenzial.
Eine Reihe wurde zusätzlich mit Edelreisern der St.-Georgen-Rebe vom Hans Moser veredelt – einfach, weil wir diese einzigartige österreichische Rebsorte auch bei uns im Weingarten erhalten möchten.
Und noch etwas Besonderes: Reine Schieferhanglagen sind im nördlichen Burgenland eine echte Rarität. Genau deshalb interessiert uns, wie Petit Manseng auf diesem Boden seinen ganz eigenen Charakter entwickelt.
tan = Gegenkathete / Ankathete
Alles klar?
Die Trigonometrie kennt drei Formeln zur Entfernungs- und Längenmessung: Sinus, Cosinus und Tangens. Das Ganze dient der Katastervermessung. Und genau dort beginnt die Geschichte unseres ersten reinsortigen Tannat.
Wie bereits beim Gillesberg (siehe Blog) erwähnt, befinden sich in unserer höchsten Lage ein Vermessungsstein aus dem 18. Jahrhundert, ein Standsignal und ein weiterer, sehr exakt behauener Stein aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Geschichte der Lage ist also eng mit Vermessung und Geometrie verbunden.
Für die Namensfindung unseres ersten reinsortigen Tannat entstand zunächst eine ganze Sammlung teils recht schräger Vorschläge. Das Problem: Bei „Wein aus Österreich“ darf die Sorte nicht genannt werden. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, dass diese Regelung für mehrere international renommierte Sorten künftig geändert wird.
Die endgültige Lösung kam dann völlig unerwartet. Als wir bereits im Vorraum standen und uns zum Weggehen anzogen, sagte Ella, unsere Zweitgeborene, plötzlich: „Tangens!“ In der dritten HAK war das gerade Thema im Mathematikunterricht.
Und das war es.
Wieder einmal fanden Innovation und Historie in perfekter Art und Weise zusammen. Der Tanngens war erfunden. Besonders schön: In alten Unterlagen fanden wir später sogar eine Lagenskizze mit den trigonometrischen Punkten und Parzellengrenzen. Besser hätte man sich die Geschichte kaum ausdenken können.